Stern TV deckt Blitzer-Abzocke auf
Stern TV deckt auf: Wie mit Radarfallen trotz falscher Messungen Kasse gemacht wird
Überall auf Deutschlands Straßen wird Jagd auf Raser gemacht. Es wird gemessen und geblitzt. Den überführten Verkehrssündern winken Strafpunkte in Flensburg, satte Geldstrafen oder sogar monatelanges Fahrverbot. Doch wie präzise sind Blitzer-Bilder oder Laser-Messungen?
Der Bußgeldbescheid, den Melanie Weisbecker vor kurzem bekam, hatte es in sich: 60 Stundenkilometer ist die 19-Jährige danach zu schnell gefahren – innerhalb einer geschlossenen Ortschaft. Die Konsequenz: vier Punkte in Flensburg, zwei Monate Fahrverbot und 175 Euro Geldbuße. Doch die junge Frau war sich sicher: Da stimmt etwas nicht. Denn: Als Melanie Weisbecker geblitzt wurde, war sie gerade vom Parkplatz ihrer Schule auf die Straße abgebogen. Sie sei insgesamt erst 100 Meter gefahren, dann habe es schon “geblitzt”. Mit ihrem 50-PS-Auto sei es aber unmöglich, auf einer so kurzen Strecke von Null auf über 100 Stundenkilometer zu beschleunigen.
Und tatsächlich: Mit Hilfe eines Anwalts und des Sachverständigen Hans-Peter Grün, der auf die Überprüfung von Messungen im Straßenverkehr spezialisiert ist, konnte Melanie Weisbecker beweisen, dass die Messung falsch war. Das Gerät, mit dem die junge Frau geblitzt wurde, war offenbar kaputt. Auch vor Gericht bekamen Grün und der Anwalt der 19-Jährigen Recht. Und die zuständige Behörde zog alle Strafandrohungen zurück.Ein Einzelfall ist Melanie Weisbecker nach Angaben von Hans-Peter Grün nicht. Seine Sachverständigengesellschaft hat insgesamt 5000 Bußgeldakten für Anwälte aus ganz Deutschland ausgewertet – und dabei erstaunliches herausgefunden: “In mehr als der Hälfte der Vorgänge ist die Beweisführung in der Akte nicht korrekt”, sagt Hans-Peter Grün. “Es wurde in diesen Fällen nicht vollständig nachgewiesen, dass tatsächlich ein Verstoß begangen wurde.” So seien Messprotokolle nicht korrekt ausgefüllt worden oder es hätten Fotos gefehlt.
In sieben Prozent der Akten fanden Grün und seine Kollegen sogar schwerwiegende Fehler: Fahrzeuge wurden darin beispielsweise verwechselt, der Messaufbau war fehlerhaft oder die Messung begann zu spät. Zu solchen Problemen kommt es, wenn Blitzgeräte beispielsweise defekt sind oder wenn die Beamten im dichten Verkehr Schwierigkeiten beim Anvisieren von Fahrzeugen mit der Laserpistole haben.Dass trotz solcher Probleme und Fehler häufig dennoch ein Bußgeldbescheid versandt wird, liege daran, dass “große Mengen an Vorgängen einfach in zu kurzer Zeit durchgeschleust werden”, sagt Hans-Peter Grün: Diejenigen, die die Bußgeldbescheide versenden, hätten deshalb einfach nicht genug Zeit, um alle Messergebnisse gründlich zu überprüfen. So würden Fehler beim Messen oder technische Defekte häufig nicht auffallen.
Formale Fehler, die das Messergebnis nicht beeinflussen, gab es in immerhin 25 Prozent der überprüften Akten: Hier fehlte beispielsweise der Eichschein des Blitzgeräts oder die notwendige Bescheinigung, dass die blitzenden Beamten richtig geschult wurden. In nur 17 Prozent der Vorgänge stimmte alles: Die Geschwindigkeitsmessung war korrekt dokumentiert und im Anschluss überprüft worden.
Das Ergebnis der Untersuchung zeigt, dass es immer wieder zu Problemen bei Geschwindigkeitsmessungen kommt. Laut Hans-Peter Grün macht es deshalb durchaus Sinn, vor Gericht zu ziehen, wenn man Zweifel an einem Bußgeldbescheid hat. Denn: Nur so erhalte man als Autofahrer überhaupt die Möglichkeit, die eigene Akte gründlich überprüfen zu lassen.Dass in etwa 58 Prozent der von dem Sachverständigen und seinen Kollegen untersuchten Fälle Betroffene gezwungen waren, vor Gericht ihre mögliche Unschuld zu beweisen, ist für Dorothee Lamberty vom Automobilclub von Deutschland ein Unding. Sie kann nicht verstehen, dass der Bürger dem Staat Fehler nachweisen müsse.”Das ist eine Beweislast-Umkehr zu Ungunsten des Betroffenen”, sagt sie.
gefunden bei: www.stern.de/tv/

















